Zusammenarbeit – keiner gewinnt alleine

Dribbeln, der Kampf eins gegen eins – das galt vor 1900 als höchste Fußballkunst. Man kam auf irgendeine Weise an den Ball und lief dann mit dem Leder am Fuß auf das gegnerische Tor zu. Jeder spielte für sich allein, die Mannschaftskameraden standen teilnahmslos auf ihren Positionen und schauten zu. Erwischten sie einen abgeprallten Ball, legten sie selbst los – wieder im Kampf eins gegen eins, wieder schauten die Mitspieler zu. Dies änderte sich erst, als eine englische Mannschaft im Jahr 1899 eine österreichische mit 15:0 abfertigte und man sich allseits wunderte, dass der unterlegene Gegner minutenlang den Ball nicht berührte. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass es „viel leichter war, mit dem Mitspieler zusammen die Gegner in der Kombination auszuspielen und zum Torschuss zu kommen, als auf eigene Faust loszuziehen und seine Kraft in Zweikämpfen zu vergeuden“, so Trainerlegende Hennes Weisweiler.

Die Mannschaft Uruguays entwickelte diesen Kombinationsfußball weiter, erspielte sich bei den Olympischen Spielen 1924 die Goldmedaille – ohne dabei eine einzige Niederlage zu kassieren. Die Uruguayer bewegten sich nicht nur, wenn sie den Ball führten, sondern demonstrierten erstmalig das „Spiel ohne Ball“. Sie boten sich an, wollten den Pass in den Lauf gespielt bekommen, inszenieren erstmals so etwas wie „Zusammenarbeit“.

Ein Spieler führt den Ball, zehn bieten sich an

Heute ist Fußball fast immer ein Spiel ohne Ball. Während eines großen Teils der Spielzeit befindet sich dieser weder bei der einen noch bei der anderen Mannschaft. Er befindet sich „zwischen“ den Spielern. „Ballbesitz“ ist nur eine Abstraktion. Aber auch wenn eine Mannschaft im Ballbesitz ist, dann führt nur ein Spieler den Ball am Fuß; für einen kurzen Augenblick. Die anderen zehn Spieler der Mannschaft haben ihn nicht, aber sie spielen trotzdem mit, sie müssen mitdenken, mitlaufen, sich anbieten. Vom Torwart bis zum Stürmer. Das Spiel einer Mannschaft besteht daher immer aus allen elf Spielern. Deshalb sind das Gespür für die Zusammenarbeit und die Verantwortung für das Ganze so wichtig.

Nur gemeinsam geht es – nirgendwo mustergültiger als im Fußball kann man das erleben. Eine Mannschaft kann nominell auf allen Positionen schlechter besetzt sein als das gegnerische Team – und sie kann dennoch gewinnen. Den 3:2 Sieg der Deutschen 1954 gegen die jahrelang ungeschlagenen Ungarn nennt man nicht grundlos das „Wunder von Bern“. Für Deutschland stand eine Mannschaft auf dem Platz, die über sich hinaus wuchs und Unmögliches möglich machte. Das, was man in der Wirtschaft unter „Synergie“ versteht, wird hier wunderbar versinnbildlicht: Das Zusammenspiel ist mehr als die Summe seiner Teile. Womit wir bei den Unternehmen wären.

Lassen Sie uns vorab eine grundsätzliche Frage stellen: Warum gibt es überhaupt Unternehmen? Was ist das Problem, das sie lösen sollen? Die Antwort liefern ihnen die Geschichten der Mannschaft Uruguays von 1924 und der deutschen Mannschaft von 1954: Es gibt Aufgaben, die man nur zusammen erfolgreich bewältigen kann. Aufgaben, die den Einzelnen überfordern würden. Kein Zweifel: Unternehmen sind – wie Fußballmannschaften – um die Idee des Teamworks herum gebaut, sie sind auf Zusammenarbeit angelegt. Zusammen arbeiten, das ist nicht nur die Addition von Einzelleistungen. Das ist Synergie, das ist das Nutzen von Pool-Ressourcen: unterschiedliche Qualifikationen ergänzen sich, unterschiedliche Kräfte verstärken sich, unterschiedliche Rollen greifen ineinander. So entsteht Leistungspartnerschaft.

Die wichtigste Frage für eine Führung, die Zusammenarbeit ermöglichen will, lautet daher: Wie präsentiere ich eine Aufgabe so, dass sie zur Zusammenarbeit einlädt? Dazu müssen beispielsweise Faktoren wie Ressourcen, Instrumente und die Umgebung positiv besetzt sein. Wir brauchen Menschen, Mitarbeiter, die zu echter und vertrauensvoller Zusammenarbeit bereit und in der Lage sind. Wir brauchen ein Kommunikationssystem, das als Plattform den Austausch im Team fördert und diesen uneingeschränkt ermöglicht. Nicht zuletzt ist eine Arbeitsumgebung nötig, die auf Zugangserlaubnisse, Barrieren und Würdefelder verzichtet und direkt-spontanen Kontakt ermöglicht.

Auch im Unternehmen gilt die Weisheit, mit der Fußballspieler heute auf den Rasen geschickt werden: Das „Spiel ohne Ball“ gewinnt die Meisterschaft. Der Titelgewinn, der gemeinsame Erfolg ist also eine Sache der persönlichen Einstellung: Biete ich mich zur Zusammenarbeit an – oder sehe ich immer nur den anderen als Lieferanten, mich selbst stets als Kunden?

Der Torschütze gewinnt das Spiel – die Mannschaft gewinnt die Meisterschaft

Eine Aussage wie „Das ist nicht mein Problem!“ ist genauso fatal, wie die Einstellung des Stürmers, sich nach dem Ballverlust nicht defensiv einzuschalten, sondern sich gänzlich auf die Abwehr zu verlassen. Das Problem eines Anderen im Unternehmen muss per Definition auch mein Problem sein. Dabei darf sich mein Einsatz aber nicht negativ auf meine eigene Rolle oder Aufgabe auswirken. Es darf nicht möglich sein, dass ein Unternehmensteil auf Kosten eines anderen erfolgreich ist. Belohnungssysteme dürfen nicht den individuellen Erfolg betonen, sondern müssen stets das kollektiv erreichte Ergebnis würdigen. Egoismen sind konsequent zu ahnden.

Gemeinsames Handeln prägt weite Bereiche unseres Lebens. Nicht nur Kooperation, auch die meisten Formen von Konkurrenz, ja sogar von Konflikt, sind nur dort möglich, wo gemeinsames Handeln existiert: Man muss etwas Gemeinsames haben, um etwas als trennend zu erleben. Zu den reizvollsten Aspekten des Sozialen gehört dann auch die Wechselwirkung von Individuum und Gemeinschaft, von Einzelleistung und Mannschaftsleistung. Die Zusammenarbeit im Unternehmen, das ist wie Mannschaftssport, das ist wie Fußball – das ist das Erlebnis, auf andere angewiesen zu sein, Probleme nur gemeinsam lösen zu können, gute und schlechte Zeiten miteinander durchzustehen. Es wird letztlich immer geheimnisvoll bleiben, wie genau sich die Mannschaftsleistung aus der Leistung der Einzelnen speist. Aber ebenso klar ist auch: Langfristig, also abgesehen von einigen besonderen Spielen, entscheidet die Mannschaftsleistung über Sieg und Niederlage. Der einzelne Spieler mit Ball mag den Zweikampf für sich entscheiden, der Torschütze mag gar ein Spiel entscheiden, das Zusammenspiel der Mannschaft, das Spiel ohne Ball gewinnt die Meisterschaft.

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Eine Frage noch Herr Sprenger: Wer wird Fußballweltmeister und warum?

Meiner Meinung nach wird Spanien Fußballweltmeister. Die Spanier haben kollektiv die beste Mannschaft und verfügen gleichzeitig auch über starke Individualisten.