Gesunde Wege zur Produktivität

Ursachen beseitigen statt Symptome bekämpfen

Im Laufe des letzten Jahrzehntes hat die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) Einzug in viele österreichische Unternehmen gefunden, sie ist fast zu einem „must-have“ geworden. Viele Projekte haben mit großem Engagement gestartet. Es wurde viel geplant, gute Praxisbeispiele erarbeitet und umgesetzt, aber nicht alle haben ihr Ziel erreicht. Unsere 15 Jahre Erfahrung im Bereich BGF zeigt uns, dass die Bewusstseinbildung der Betroffenen, das Anbieten von Verhaltensmaßnahmen sowie das Erkennen von krankmachenden Umgebungsbedingungen gut funktionieren. In den seltensten Fällen gelingt aber die eigentlich primäre Prävention – eine Kultur, ein Miteinander, ein gemeinsames leben von Werten, in der Krankheiten erst gar nicht entstehen.

Warum ist das so? Ein wesentlicher Grund dafür ist die Tatsache, dass Gesundheit keine primäre Unternehmensaufgabe ist und sich demnach auch in keiner Bilanz wiederfindet. Zusätzlich wird Gesundheit immer noch als eine ausschließlich private Angelegenheit gesehen und verstanden. Daher ist es auch verständlich, dass der Antrieb zu einem BGF-Projekt selten von der Geschäftsführung oder den Vorständen kommt, am ehesten noch wenn Betriebliche Gesundheitsförderung als ein Mittel gesehen wird, um Fehlzeiten zu reduzieren bzw. die Belegschaft fitter zu machen. Darüber hinaus verkauft es sich immer gut etwas für die Gesundheit der eigenen MitarbeiterInnen zu tun, sowohl nach innen wie auch nach außen. Umso besser, wenn es nicht viel kostet und noch dazu gefördert wird. Als eine unternehmerische und strategische Aufgabe zum Erreichen der Unternehmensziele wird es nicht betrachtet.

Ursache-Wirkungs-Zusammenhang

Also wird gesünder gegessen, nicht mehr geraucht, mehr Stiegen gestiegen und gelaufen und auch die einen oder anderen Verhältnisse am Arbeitsplatz durchleuchtet, damit es nicht mehr zieht oder die Beleuchtungskörper nicht mehr blenden. Doch bei den Hauptbelastungen, den psychischen Belastungen, wo die Zusammenhänge nicht so einfach zu erkennen sind, wird es schwierig. Überforderung, Widerwille, Sinnentleerung, sozialer Ausschluss, Demotivation und mangelnde Wertschätzung führen zu chronischem Stress, Burnout und Depression und sind in unserer heutigen Berufswelt die Krankmacher schlecht hin. Sobald wir diese Themen behandeln wollen, befinden wir uns rasch in der Organisationskultur, Führung und den Grundwerten des Unternehmens, deren Veränderungen sich in alle Unternehmensbereiche auswirken und mit Kultur- und Werteveränderungsprozessen verbunden sind. Spätestens dann kommt die Frage der Geschäftsführung: „Wollten wir nicht nur ein bisserl turnen?“.

Die Gründe dafür sind uns heute klarer denn je: BGF-Projekte sind nicht als Werte- oder Kulturveränderungsprojekte konzipiert, welche die Ursachen der häufigsten Krankheitsbilder im Betrieb sind. Es fehlen der Auftrag, der Wille und die Entscheidungen. Die BGF-Projektleitung wird im besten Fall an eine Stabstelle im Unternehmen delegiert, die aber ohne ausreichende Kompetenzen ausgestattet bleibt. Zusätzlich wird bei psychischen Belastungen der Ursache- Wirkungs-Zusammenhang nicht so klar erkannt oder anerkannt. Hier spricht man bald von persönlichen Befindlichkeiten oder Schwäche (ähnlich wie bei der Anerkennung und Gleichstellung von psychischer Gewalt der körperlichen Gewalt.)

Gesundheit ist hinreichende Bedingung

Die Lösung für dieses Dilemma und den Weg zu einem wirklich gesunden Unternehmen bzw. gesunden Wegen zu Produktivität sehen wir in einer den allgemeinen Unternehmenszielen entsprechender Zielsetzung eines BGF-Projektes: die Steigerung der persönlichen Produktivität und des Arbeitsvermögens. Zwei ureigenste Unternehmenswerte, die in direktem Zusammenhang mit Erfolg und Ertrag stehen. Die zentrale Frage muss lauten: Wie bekomme ich von meinem Team, meiner Belegschaft das beste Arbeitsvermögen, die höchste nachhaltige Produktivität?

Die Antwort kann nur lauten: von gesunden MitarbeiterInnen. Aber Achtung: Gesundheit ist eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für eine hohes Arbeitsvermögen. Erst wenn ich unter der Voraussetzung von Unversehrtheit meine Arbeit KANN, WILL und auch DARF werde ich meine persönliche Produktivität in den Arbeitsprozess einbringen. Dort wo Produktivität verhindert wird entstehen Symptome und Krankheiten - wenn jemand nicht mehr kann, weil die Arbeit zu viel ist, er nicht mehr will, weil es ihn nicht interessiert oder er nicht mehr darf, weil er nicht sozial integriert ist. Um dies zu erreichen ist ein hohes Maß an Führungsvermögen, nämlich Kompetenz, Verantwortung, Vorbildwirkung und Beziehungsfähigkeit notwendig. Das Paradoxe: durch die gewollte Produktivität kann jeder für sich Gesundheitsquellen in seinem Betrieb für sich erschließen.

Die oft strapazierte WIN-WIN-Situation als Ziel ist tatsächlich erreicht und Gesundheit entsteht, quasi als Nebenprodukt auf dem Weg zu einer produktiveren Belegschaft. Eben auf gesunden Wegen zur Produktivität.