Wie steht es um das Thema 'Mobbing' in Deutschland?

Vor knapp zwanzig Jahren veröffentlichte Hans Leymann das Buch 'Mobbing' und lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein bislang kaum beachtetes Phänomen, welches seinen Namen den Beobachtungen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz verdankt. Im Laufe der Zeit entstanden überall Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen und eine Welle von Literatur zum Thema überschwemmte die Buchhandlungen. Ein riesiger Markt mit neuen Chancen wurde entdeckt. Selbstverständlich wurde das auch von vielen so gesehen, die sich aufgrund eigener Betroffenheit selbst zur Errettung der Menschheit auserkoren haben, ohne dabei tatsächlich kompetent helfen zu können, sowie von jenen, die sich lediglich auf den eigenen Profit konzentrieren. Scharlatanerie und Dilettantismus sind immer dann besonders schlimm, wenn es um eine eigentlich gute Sache geht, die tief in unserem Wertesystem verankert und deshalb besonders wichtig ist. Das Motiv, den Schwächeren zu schützen, hat schließlich auch etwas mit unseren christlichen Wurzeln zu tun.

Fragt man Führungskräfte nach diesem Thema, erhält man oftmals die Antwort, dass in ihren Unternehmen eine wertschätzende Kultur herrscht, in der 'Mobbing' keinen Platz hat. Sicher gibt es viele Unternehmen, wo das auch tatsächlich so ist. Ein gutes Betriebsklima, Transparenz und ein fairer und offener Umgang (auch mit Konflikten) lassen unfaire Attacken im Keim ersticken.

Der Begriff 'Mobbing' beschreibt nach Konrad Lorenz ursprünglich das Phänomen der sich zusammenrottenden Gänse, die ein schwächeres Tier loswerden wollen und dabei gemeinsam vorgehen. Dieses Verhalten liegt auch in der Natur des Menschen und kann unter bestimmten Bedingungen aktiviert werden. In der Arbeitswelt wird der Begriff jedoch weiter gefasst. Auch das sogenannte 'mikropolitische Mobbing' oder auch 'Bossing' genannt, wird darunter subsummiert. Während ersteres ein soziales Phänomen beschreibt, welches in der Natur des Menschen verankert zu sein scheint und somit nur begrenzt, niemals aber vollständig unterbunden werden kann, handelt es sich beim 'Bossing' um ein moralisches Vergehen, für welches eine einzelne Person unmittelbar zur Verantwortung gezogen werden kann bzw. werden sollte. Die Auswirkungen für das Opfer sind aber in beiden Fällen gleich. Selbstzweifel, psychische und körperliche Erkrankungen und in nicht wenigen Fällen sind sogar Selbstmorde die Folge. Aber auch der Schaden für die Volkswirtschaft (Klinik- und Kuraufenthalte, Arbeitslosigkeit, Frühberentung, etc.) sowie für die betroffenen Unternehmen ist immens.

Mobbing ist also ein Thema.

Sucht man als Betroffener nun nach Hilfe, ist es zurzeit sehr stark abhängig davon, wo man lebt, ob und welche Qualität der Hilfe man finden kann. So gibt es in einigen Regionen ein flächendeckendes Netz von kostenlosen Beratungsangeboten und Hilfsorganisationen, in anderen kann selbst die Stadtverwaltung keine Auskunft darüber geben, ob es solche „speziellen“ Angebote überhaupt gibt. Vorbildlich sind besonders die Länder Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Sieht man sich allerdings im Osten oder weiter im Norden um, so ist das Angebot über große Flächen sehr dürftig. Aber der Bedarf ist da. Durch den zunehmenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt, gerade auch in dem Niedriglohnsektor scheinen Mitarbeiter leicht austauschbar zu sein, und die Angst vor dem sozialen Abstieg ist für einen nicht allzu kleinen Teil der Bevölkerung allgegenwärtig. Aber auch in den „oberen Etagen“ sind die Anforderung durch die Technisierung der Gesellschaft und durch die neue Mobilität („ständige Erreichbarkeit“) gestiegen. Folgt man den gängigen Statistiken, so nehmen arbeitsplatzbedingte psychische Erkrankungen seit vielen Jahren kontinuierlich zu. Burnout ist zur Mode geworden.

Zu den Schwierigkeiten, ein wirklich hilfreiches Unterstützungangebot ausfindig zu machen, kommt noch das Problem der Scham. Und ist es nicht so, dass immer noch viele Menschen glauben, dass derjenige, der zum Opfer wird, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst dazu beigetragen hat? Hier stellt sich die Frage nach dem eigenen Anteil. Gemeint damit ist der Typ Mensch, den der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Peter Teuschel den „Unsympathischen“ nennt. Dieser Typ gerät durch sein auffälliges Sozialverhalten immer wieder in Konflikte, da er unwillkürlich gegen geltende Normen verstößt. Wie groß dieser Eigenanteil auch sein mag, repräsentative Erhebungen haben ergeben, dass jeder 9. im Laufe seines Lebens einmal zum Opfer von Mobbing wird, und es wurde bislang keine messbare Persönlichkeitseigenschaft ausfindig gemacht, die eine genaue Vorhersage darüber erlaubt, ob jemand zum Opfer wird oder nicht. Es kann also jeden treffen.

Wenn ein Phänomen aber so weit verbreitet, also allgegenwärtig ist, dann könnte man doch erwarten, dass die Rechtsprechung angemessen darauf reagiert. Folgt man bekannten Fachbuchautoren wie Dr. Martin Wolmerath oder Dr. Dieter Struck, so erschließt sich einem jedoch ein düsteres Bild (nur wenige Erfolge in der gerichtlichen Aufarbeitung von Mobbingsituationen, Versäumnisse der Gesetzgebung, Grenzen der Rechtsprechung etc.). Noch nicht einmal die praktische Frage, ob es gut ist, ein Mobbing-Tagebuch zu führen, kann eindeutig beantwortet werden. Auch wenn es dem Opfer dazu dienen mag, die eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten und es zudem als Gedächtnisstütze fungiert, kann es dem Betroffenen vor Gericht als Zeichen für „mangelnde Belastbarkeit“ ausgelegt werden.

Am 26.04.2007 wurde bei der EU-Kommission eine Rahmenvereinbarung gegen Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz von Vertretern der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände unterzeichnet, dessen Frist zur Umsetzung bereits seit 2010 abgelaufen ist, ohne das die Bundesregierung ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hat. Ob ein solches Gesetz tatsächlich etwas im Kampf gegen Mobbing bewirken mag, wird allerdings auch von vielen Fachleuten bezweifelt. Ungeachtet dessen bleibt die juristische Situation dieses Phänomens weiter unbefriedigend, selbst wenn seit Beginn des letzten Jahrzehnts Schmerzensgeldansprüche geltend gemacht werden können.

Umso wichtiger ist es, sich auf die vielen wirkungsvollen Maßnahmen zur Prävention von Mobbing zu konzentrieren und diesem somit gezielt entgegenzuwirken. Auch ein entsprechendes Maß von Zivilcourage und gegenseitiger Wertschätzung kann dabei helfen. Mobbing wird es aber immer geben. Deshalb muss auch weiter an klareren rechtlichen Rahmenbedingungen sowie an einer besseren bzw. flächendeckenderen psychosozialen Versorgung gearbeitet werden.