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X Fazit
Jetzt erst recht! - Die Krise ist da

Das Schlimmste an einer beginnenden Krise ist, dass niemand weiß, wie lange sie dauert, wie schlimm sie wird und ob es überhaupt eine echte Krise ist. Aber jeder hat ein Gefühl dazu, ob als Optimist, Pessimist oder Realist. Experten werden zu Statements aufgefordert oder fühlen sich zu Kommentaren bemüßigt. Andere gehen lieber in Deckung, warten ab und schweigen. Da ist es fast schon gut, wenn sich die Krise endlich in voller Pracht entfaltet. Dann weiß zumindest jeder, woran er ist und kann wieder vernünftig handeln. Es sei denn, man wird nun depressiv und vermutet fundamentale Strukturbrüche.

Wie das gegenwärtige Desaster auf den Finanzmärkten und die beginnende Rezession auf den Absatzmärkten einmal heißen werden, bleibt den Geschichtsschreibern überlassen. Diese Zeilen wurden nur wenige Wochen nach jenen Tagen Ende September/Anfang Oktober geschrieben, als sich die Krise mit voller Wucht ins Bewusstsein Deutschlands einbrannte. Daher kann das Folgende binnen kurzer Zeit durch Überraschungen der Zeitläufe eines Besseren belehrt werden. In jedem Fall macht es Sinn, bei den anstehenden Veränderungen auf einen beinahe zeitlosen Ansatz für die Gestaltung des Wandels zurückzugreifen: Change Management. Denn dieser bietet bewährte Antworten, für das Auf, aber auch für das Ab im Wirtschaftsleben.

Rückblende: Anfang September 2008, in Köln. Beim größten Szenetreff von Personalern, der Messe „Zukunft Personal“, war von einer Krise noch keinerlei Rede. Der Wettlauf um die Besten, das Talent Management wurde zum Hype. So hieß es an jedem Stand, tönte es auf jedem Vortrag, klang es bei jedem Gespräch. Nein, nicht mehr die kleinmütige Fingerübung aus Zeiten der Internet- Blase. Talent Management 2.0 wurde ausgerufen. Die nächste Generation von „Tools“ war gefragt, zeichneten sich als Folge demographischer Entwicklungen ganz deutliche Engpässe für die noch ungetrübten Wachstums-Ambitionen der Wirtschaft ab. Eine Wiederbelebung des Personalwesens schien keine Frage mehr zu sein – Selbstbewusstsein pur (vgl. Breitfelder/Dowling 2008). Doch wenige Wochen später ist die nächste Blase geplatzt: Allenthalben Einstellungs- Stopp, Urlaubs-Management, keine schicken Seminare und Reisen mehr, weitere Einschränkungen stehen an. Ja sogar die Drohgebärden Restrukturierung und betriebsbedingte Kündigung machen die Runde und verschrecken alle, bis hin zu den vermeintlichen Talenten und selbstbewussten Stars. Selbst die noch mit vollen Auftragsbüchern versehenen Unternehmen treten derzeit auf die Vorsichts-Bremse. Fast über Nacht scheint das verheißungsvolle Talent Management 2.0 auf ein unvollendetes Talent Management 0.8 zurückgedreht, dem Kalenderjahr ´08 entsprechend. Bis zur nächsten Renaissance, so nicht nur Schwarzseher, mögen viele Jahre vergehen. Den Personalbereichen würden wieder harte Zeiten bevorstehen.

Kurs halten und Blick nach vorne

Derart krass wird es nicht kommen. Diese wirtschaftliche Krise hat allenfalls marginale Auswirkungen auf stabile demographische Trends. Der Wandel in den Arbeitsbeziehungen und Einstellungen der jüngeren Kohorten – von Scholz (2003) mit dem etwas sperrigen Begriff des Darwiportunismus belegt – wird, wenn überhaupt, kurzfristig abgeschwächt. Auch die Polarisierung von Beschäftigten in die Umgarnten aus Engpassbereichen versus die Austauschbaren aus Einsparbereichen wird weitergehen.

Unzweifelhaft ist, dass derzeit niemand weiß, was genau kommen wird. Diese Unsicherheit gilt für das große Ganze (makroökonomisch) als auch für jedes Unternehmen (mikroökonomisch) und damit für jeden Entscheider und Mitarbeiter. Ein simples „Weiter so!“ wäre sicherlich die falsche Empfehlung; aufgebauschte Panik, übertriebene Vorsicht oder vorauseilender Gehorsam ebenfalls. Die bisherige Unternehmensstrategie und die von ihr abgeleitete Personalstrategie sind vermutlich nicht völlig falsch gewesen und in der Krise kaum obsolet. Jeder Verantwortliche sollte sich seine bisherigen Aktivitäten nüchtern auflisten und bewerten: Was dient weiterhin zur Fortführung der Strategie, wo ist eine Umkehr nunmehr sinnvoll? Was muss in der nächsten Zeit – weil nötig – weiterhin erledigt werden? Wo müssen Übertreibungen in beide Richtungen (positiv wie negativ) – weil unnötig – vermieden werden? Diese Fragen sind für jedes Unternehmen vom HR-Verantwortlichen in enger Abstimmung mit der Geschäftsführung individuell zu beantworten. Ausgangspunkt bleibt wie immer das Business, Maßstab sind die Menschen.

Es gilt eine schwierige Balance zu finden: Die richtigen Maßnahmen zu ergreifen sowie andere zu unterlassen. Auf die nicht wertschöpfenden Steckenpferde des Personalbereichs sollte ohnehin verzichtet werden. Übrigens: Diese Fragen stellen sich nicht erst in der Krise. Wenn diese Klarheit über erforderliche Aktivitäten besteht, gilt es bei denen (aber nur bei denen) solange wie irgendwie möglich Kurs zu halten und Widerstand gegen die mit Sicherheit aufflackernde Anfeindungen zu leisten. Es geht nicht darum, die Grenzen des Möglichen immer wieder auszutesten. Ausgangspunkt kann nur die Strategie sein. Denn diese bildet den Ursprung der HR-Aktivitäten und ermöglicht Rückgrat für den HRVerantwortlichen. Erst in wirklich krisenhaften Konstellationen, wenn es um das schiere Überleben des Unternehmens geht, muss härter – also abseits der Strategie – agiert werden; nicht aber bereits auf Vorrat.

Bei all den „wetterfesten“ Unternehmen, die wir laut Vorstandsäußerungen inzwischen haben, bestand die Krisenprävention in der abgelaufenen Boomphase im Wesentlichen darin, die allergrößten Übertreibungen aus den Zeiten vor der Internetblase zu vermeiden. Immerhin, dies war das „Learning“. Denn nach jeder Krise kam bislang wieder ein Aufwärtstrend, bei dem die angerichteten Schäden in der Substanz, Kompetenz, Motivation und Loyalität der Führungskräfte beziehungsweise Mitarbeiter nicht allzu groß sein dürfen. Panikattacken des Managements im Aufschwung, etwa wegen verpasster Wachstumschancen, sind für den HR-Verantwortlichen fast noch schwerer zu beruhigen.

Selbst wenn die nahe Zukunft düster und bleiern erscheinen mag. Es werden mit Sicherheit wieder deutlich bessere Zeiten kommen. Das war bislang noch immer so. Warum soll es denn ausgerechnet diesmal anders sein? Die entscheidende Frage lautet: Wann? Wird das Ganze nur eine kürzere Fastenzeit oder eine längere Hungerperiode werden? In welchem Jahr wird es wieder signifikantes Wachstum geben? In diesem Jahr – so sagen sämtliche Auguren – sicherlich nicht. Dann aber 2010, 2011 ….. 2015? Und was wird dann gebraucht? Diese zweite Frage ist viel entscheidender. Auf sie kann sich der Personalbereich heute schon vorbereiten, um morgen nicht nur Problembewusstsein, sondern bereits Lösungsmöglichkeiten zu besitzen. Betrachten wir einmal das Positive der Krise. Man kann sich derzeit zwar weniger leisten und muss trotzdem vieles leisten. Das Notwendige – im Wortsinne – ist allerdings ziemlich klar und das künftig Erforderliche lässt noch auf sich warten. Die Ablenkungen und Verführungen sind gering. Es gibt daher endlich wieder genügend Zeit zum Vordenken und Vorbereiten. Es soll sogar Personaler geben die meinen, der gemeinsame Gegner in der Krise, nämlich der CFO mitsamt seinen Controllern, schweiße die HR-Funktion endlich wieder zu einem gemeinsamen Ganzen zusammen.

Der Personaler als Change Agent

Die Rolle als „Change Agent“ hat Dave Ulrich den Personalern bereits vor einem Dutzend Jahren ins Stammbuch geschrieben. Change Management ist nicht nur etwas für sonnige Zeiten. Gerade auch in der Krise ist eine professionelle Herangehensweise an den anstehenden Wandel gefragt. Die „Gestaltung der Krise“ kann mittels Change Management verbessert werden. Der Rückgang an Produktivität bei schlecht gemanagten Veränderungsprozessen um erschreckende 23 Prozent (vgl. Claßen 2008: S. 59-63) sollte die Entscheider darin bestärken. Diesen Effizienz-Einbruch des gesamten Unternehmens gilt es deutlich zu vermindern; ganz vermeiden wird man ihn nicht können. Es kann jedoch sehr viel gemacht – oder aber gelassen – werden (ebd. S. 79-86). Aus den zehn Aktionsfeldern sollen hier beispielhaft vier herausgegriffen werden. Das Einmaleins des Change Managements wie Information und Qualifizierung gehört selbstredend auch in Krisenzeiten ebenfalls dazu.

Situation und Umfeld analysieren & verstehen:
Startpunkt ist in jedem Fall eine sorgfältige Diagnose der Ausgangssituation. Dafür muss auch in der Krise Zeit sein. Es werden so Befürchtungen beziehungsweise Erwartungen der unterschiedlichen Anspruchsgruppen deutlich, genau wie die „Do´s & Dont´s“. Die Devise „erst denken, dann handeln“ wird manchen Fehler aus Hektik oder Panik vermeiden. Auch später ist das Monitoring der Situation im Dunstkreis des eigenen Unternehmens gefragt, monatlich, wöchentlich und wenn es sein muss sogar täglich. Gerade in der Krise ist die ständige Pulsmessung der Schlüssel zur Identifikation von richtigen Maßnahmen. Manches wird über Nacht schon anders sein als am Tag zuvor. Aber irgendwann findet auch diese Krise ein Ende. Fern vom Business, merken die meisten Personaler viel zu spät, ob die Krise noch schlimmer wird oder schon wieder vorbei ist.

Ausrichtung und Alignment forcieren:
Hintergründe und Notwendig keit der anstehenden Veränderungen müssen für den Einzelnen nachvollziehbar sein. Es gilt, gerade in der Krise ein verständliches Zielbild zu vermitteln, das mehr als nur „Hauptsache überleben“ bedeutet. Auch in der Krise besteht bei den Meisten der Wunsch, nicht nur Überlebender zu sein, sondern zu den Starken und Gewinnern zu zählen. Die Mitarbeiter möchten dabei wesentlich stärker über den Veränderungsprozess („was geschieht?“) als über das Veränderungsergebnis („was entsteht?“) informiert werden (vgl. Claßen 2008: S. 60). Sie tun dies im hellwachen Bewusstsein, dass Information über den Prozess schon zeitig in der Krise zu erwarten ist, Information über konkrete Ergebnisse hingegen in vielen Fällen dann noch nicht möglich ist und diesbezügliche Erwartungen auch unangemessen wären. Die Wissbegier auf Fakten und die Neugier auf Gerüchte beginnt jedenfalls mit der Stunde Null der Krise. Der Wunsch nach dem ersten muss begegnet, dem zweiten das Nebulöse genommen werden. In der Krise zeigt sich Leadership und Verlässlichkeit. Es ist nicht die Zeit der nach einer ungarischen Wurst benannten Taktik scheibchenweiser Eingeständnisse bereits bekannter Tatsachen.

Konflikte und Widerstände reduzieren & vermeiden:
In der Krise werden Maßnahmen notwendig (im Wortsinne), die nicht aus dem Schönwetter-Repertoire des Managements stammen. Stichworte sind: Urlaubsmanagement und Kurzarbeit, Freisetzung der „atmenden“ Belegschaft (Zeitarbeit), Aussetzen von Wohlfühl- und Differenzierungselementen, Verzicht auf Gehaltsverbesserungen und Karrieresprünge, Kandidatenlisten für Restrukturierung und Sozialpläne, Brüche mit der Unternehmenskultur, solche Sachen. Für viele wurde der Jahreswechsel 2008/9 zum ersten ohne pompöse Weihnachtsfeier. So etwas wird – gerade bei den verwöhnten Zielgruppen aus den Engpassbereichen – als richtig schmerzhaft empfunden. Die Krise ist die Zeit wahrhafter und redlicher Kommunikation, in der transparente Begründungen geliefert, verständliche Unsicherheiten eingeräumt und tatsächliche Begrenzungen eingestanden werden dürfen. Ein grundsätzlich optimistischer Tenor ist aber nicht verboten, solange er nicht zur Schönrednerei missrät. Wenn, ja wenn die Verzerrungen und Schrägheiten vor der Krise nicht bereits offenkundig waren und während der Krise noch weiter verschärft werden, wird dies jeder vernünftige Mensch verstehen. Ein Beispiel: Wenn das Thema Gehalt ein Hygienefaktor ist, nicht mehr aber auch nicht weniger, dann muss das Unternehmen auch in der Krise dabei sauber bleiben. Diesbezügliche Fehler werden sich nicht gleich in der Krise zeigen, aber um so stärker danach. In der Krise werden nämlich die Wechselkandidaten der nächsten Boomphase produziert. Das ist keine leere Drohung, das ist Fakt.

Führung fördern:
Die Sandwich- Position der mittleren Führungsebene in Krisenzeiten ist inzwischen hinlänglich beschrieben, der letzte Zyklus bot dafür genügend Anschauungsmaterial (Freimuth u.a. 2003). Im Dilemma des in der Krise noch zunehmenden gleichzeitigen Drucks von oben und von unten kann HR diesen Führungskräften durchaus Hilfestellungen bieten. Dies sei am Beispiel des Retention Managements erläutert: Gute Mitarbeiter werden weiterhin gefragt sein und bleiben selbst während der Krise in einer starken Position. Zwar wird kurzfristig deren Wechselrisiko abnehmen und die Fluktuationsrate sinken. In Zeiten der Krise mag es auch weniger Widerworte und mehr Duckmäuser geben. Fehler der Vorgesetzten, diese sind heutzutage ohnehin fast nur noch kommunikativer Natur, fallen derzeit nicht auf. Kopf-, Herz- und Bauchschmerzen der Potenzial- und Kompetenzträger werden nicht kurzfristig handlungsrelevant, dafür aber oft bis zur nächsten Chance zur Revanche geparkt. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Krise ist deshalb die Zeit des echten Performance und Talent Managements, nicht die Schönwetterversion aus Boomphasen, in der (fast) jeder als „super“ und begabt gilt. Das Gute ist, die Instrumente sind inzwischen in den meisten Unternehmen implementiert, sie müssen jetzt nur entsprechend differenzierend angewendet werden. Das wäre noch eine vergleichsweise einfache Übung. Menschlich schwierig wird es erst, wenn den Mitarbeitern ihr individuelles Ergebnis kommuniziert wird und sich dies in differenzierende Behandlung – angefangen vom scheinbar so unwichtigen Gehalt, über persönliche Wertschätzung und verbindliche Perspektive bis hin zum gesamten Spektrum der Personalentwicklung – übersetzt. Dabei kann HR die Führungskräfte entlasten, stützen und coachen, also das was von einem Business Partner eben erwartet wird.

Kopf über Wasser halten

Die Rolle von HR bei einem Veränderungsprozess unter dem Vorzeichen der Krise wird maßgeblich von den in guten Zeiten erarbeiteten Freiheitsgraden bestimmt. Diese Freiheitsgrade wurden aber mancherorts fälschlicher Weise dazu genutzt, sich endlich mal exquisit und mondän auszustaffieren. Wenn erst in der Krise der eigene Bereich in Ordnung gebracht werden muss, wird für HR auf dem Terrain des Gesamtunternehmens wenig möglich sein. In diesem HR-Barometer hat sich erneut gezeigt, dass viele Personalbereiche – genau gesagt zwei Drittel – beim Blick auf die Effizienz ihres eigenen Tuns nicht optimal aufgestellt sind. Alle diese Personalbereiche fallen in der Krise als Gestalter des Wandels aus. Denn sie müssen sich entweder mit den von anderen vorgegebenen eigenen Optimierungszielen auseinandersetzen oder sie verzetteln sich in den Mühen einer Abwehr ungerechtfertigter Forderungen. Dies mag zwar ab und an gelingen; die Gestaltungskraft wird dabei jedoch verwirkt. Der Freischwimmerschein wird im ruhigen Wasser erworben. Bei starkem Wellengang das Schwimmen zu lernen gerät meistens zum Crashkurs mit der Gefahr des Ertrinkens.

Quelle:
Capgemini Consulting Österreich AG - http://www.capgemini.com/


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